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  • H. I. F. VON BIBER. Baroque Splendor. Missa Salisburgensis
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H. I. F. VON BIBER. Baroque Splendor. Missa Salisburgensis
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Infos

Bez.Nr.: AVSA9912

  • Le Concert des Nations
  • La Capella Reial de Catalunya
  • Hespèrion XXI
  • Direcció: Jordi Savall

Wie der von einem geheimnisvollen planetarischen Nebel ausgehende Glanz beherrscht die Missa Salisburgensis das Universum der mehrchörigen Musik. Sie stellt die Komplexität und Vielfalt ihrer außergewöhnlichen Mittel in den Dienst einer einzigartigen klanglichen und räumlichen Wirkung und symbolisiert mit ihrer Üppigkeit und dem zielsicheren Einsatz der musikalischen Möglichkeiten die Allmacht und Größe der göttlichen, politischen und religiösen Herrschaft. Dergestalt von einem großen Geheimnis umgeben, wurde das von den Spezialisten als Mount Everest der mehrchörigen Kompositionen angesehene Werk 1870 bei einem Salzburger Kolonialwarenhändler entdeckt und zunächst irrtümlich dem Komponisten Orazio Benevoli zugeschrieben. Heute aber steht außer Frage, wie Professor Ernst Hintermaier überzeugend beweist (siehe seinen Beitrag in diesem Booklet), dass es sich um eins der großen Meisterwerke von Heinrich Ignaz Franz Biber handelt, einen der bedeutendsten und genialsten österreichischen Komponisten der Barockzeit.

Beschreibung

Wie der von einem geheimnisvollen planetarischen Nebel ausgehende Glanz beherrscht die Missa Salisburgensis das Universum der mehrchörigen Musik. Sie stellt die Komplexität und Vielfalt ihrer außergewöhnlichen Mittel in den Dienst einer einzigartigen klanglichen und räumlichen Wirkung und symbolisiert mit ihrer Üppigkeit und dem zielsicheren Einsatz der musikalischen Möglichkeiten die Allmacht und Größe der göttlichen, politischen und religiösen Herrschaft. Dergestalt von einem großen Geheimnis umgeben, wurde das von den Spezialisten als Mount Everest der mehrchörigen Kompositionen angesehene Werk 1870 bei einem Salzburger Kolonialwarenhändler entdeckt und zunächst irrtümlich dem Komponisten Orazio Benevoli zugeschrieben. Heute aber steht außer Frage, wie Professor Ernst Hintermaier überzeugend beweist (siehe seinen Beitrag in diesem Booklet), dass es sich um eins der großen Meisterwerke von Heinrich Ignaz Franz Biber handelt, einen der bedeutendsten und genialsten österreichischen Komponisten der Barockzeit.
Vor mehr als fünfzehn Jahren hatte ich die glückliche Gelegenheit, meine erste Erfahrung mit der Kirchenmusik von Biber zu machen. Es war Ende Mai 1999, als wir anlässlich der Festspiele „Pfingsten Barock“ ein Konzert zur Aufführung im Salzburger Dom mit dem Requiem und der Missa Bruxellensis XXIII vocum vorbereiten sollten. Bei dieser Gelegenheit konnte ich mich intensiv mit der komplexen Polyphonie und Mehrchörigkeit von Bibers Musiksprache vertraut machen, vor allem aber konnte ich sie unter den akustischen Bedingungen des Salzburger Doms, wo zu Bibers Zeit die erste öffentliche Aufführung seiner Werke stattgefunden hatte, erleben. Die damals geleistete Arbeit fand ihren Niederschlag in einer Life-Aufnahme des Konzerts. Es war weltweit die erste Einspielung der Missa Bruxellensis und des Requiems, zwei einzigartige Versionen, die wir 1999 und 2002 unter unserem Label Alia Vox herausgebracht haben.
2014, also fünfzehn Jahre später, bot sich uns die weitere Möglichkeit, nun im Konzerthaus Wien im Rahmen des Festivals „Resonanzen“ die zweite große Messe von Biber, nämlich die Missa Salisburgensis à 54 (vocum), ein Höhepunkt der Kirchenmusik aller Zeiten, sowie die, ebenfalls zur Feier des 1100-jährigen Jubiläums der Gründung des Erzstiftes Salzburg durch den Hl. Rupert komponierte, Motette Plaudite tympana aufzuführen. Zur Vervollständigung des Programms wählten wir Fanfaren derselben Epoche von Bartholomäus Riedl, die Sonata Sancti Polycarpi à 9 und die Battaglia à 10 von Biber aus dem Jahr 1673, also etwas ältere Kompositionen.
Nachdem wir die Einladung erhalten hatten, haben wir die Zeit genutzt, indem wir die Werke bei uns in Katalonien geprobt und einige Tage vor dem Auftritt im Wiener Konzerthaus zunächst im Auditori von Barcelona gespielt haben. Zur Vorbereitung der Proben haben wir uns ein paar Tage ins Schloss von Cardona zurückgezogen. Dort konnten wir das klangliche Gleichgewicht abstimmen, die Plattenaufnahme vorbereiten und die räumliche Verteilung der Chöre in der guten Akustik des ehemaligen romanischen Kollegiatsstifts Sant Vicenç ausprobieren. Nach dieser intensiven Vorbereitung gaben wir das erste Konzert am 15. Januar 2015 im Auditori von Barcelona. Am 16. Januar kehrten wir zu einem letzten Aufnahmetag nach Cardona zurück. Schon am darauffolgenden Tag brachen wir nach Wien auf, wo wir einen Tag später das komplette Programm zum zweiten Mal im Konzerthaus spielten.
Obwohl wir uns schon anlässlich unseres Konzerts 1999 im Salzburger Dom intensiv mit Bibers Musik auseinandergesetzt hatten, muss ich gestehen, dass mir die Vorbereitung der Missa Salisburgensis großen Respekt einflößte. Besonders der unverhältnismäßig großen Zahl von zu bändigenden Stimmen (54) widmete ich meine ganze Aufmerksamkeit. Auch die Komplexität des Kontrapunkts war nicht zu unterschätzen und vor allem musste ein räumliches Gleichgewicht bei der Aufstellung der verschiedenen stark kontrastierenden Stimm- und Instrumentalensembles oder Chori erreicht werden, von deren Aufteilung der Komponist selbst schon klare Vorstellungen hatte.
Choro 1. 8 Stimmen in concerto mit Orgel
Choro 2. 6 Streichinstrumente [2 Violinen, 2 Violen, 2 Bratschen]
Choro 3. 2 Oboen, 4 Flöten [2 Flöten, 2 Dulziane], 2 Clarini
Choro 4. 2 Cornetti, 3 Posaunen
Choro 5. 8 Stimmen in concerto,
[Choro 6.] 6 Streichinstrumente (2 Violinen, 4 Violen)
1. Loco. 4 Trombe, Timpani
2. Loco. 4 Trombe, Timpani
Orgel
Basso Continuo (Violoncello und Violone)

Diese außergewöhnliche Aufteilung erinnert unweigerlich daran, dass die Erzdiözese Salzburg als eines der Hauptzentren der alten römischen und venezianischen Musiktradition galt, die es aufgenommen und in vieler Hinsicht bereichert weitergegeben hat. Die mächtige Akustik des Salzburger Doms verlangte vor allem nach einem Stil, der allzu schnelle harmonische Wechsel und das Raffinement zu individueller Ausschmückungen vermied.
Deshalb mag man nach dem ersten Hören überrascht sein von der ˗ unvermeidlichen ˗ Allgegenwart der obligaten C-Dur Tonart für die Trompeten. Wie jedoch Paul McCreesh (Leiter von Gabrieli Consort & Players) sehr treffend hervorhebt, „entdeckt man beim aufmerksameren Hinhören jedoch eine sehr subtile Struktur überraschender harmonischer Wechsel, die umso mehr hervortreten als sie sich in ein prachtvolles Schwelgen in C-Dur einreihen. Außerdem sticht eine überbordende Fülle an Motiven im Basso continuo hervor.“ Ein volkstümlicher und einfacher Charakter in der Entwicklung eines großen Teils des melodischen Materials tritt neben die innovativen Effekte des Benedictus und des Agnus Dei; die bestechende Polyphonie a capella im Miserere fällt ebenso auf, ganz besonders aber der große Reichtum von Charakteren in der Entwicklung des Gloria in excelsis Deo und im Credo. Man ist betroffen von der ergreifenden Gefühlsmacht und der unschuldigen Schönheit des von sechs hohen Stimmen interpretierten Incarnatus wie auch von der schmerzlichen Tiefe, die uns das im größten Kontrast nur von tiefen Stimmen gesungene Crucifixus vermittelt.
Für die Einspielung haben wir bei der Aufstellung der Chori im Schiff des Kollegiatsstifts von Cardona versucht, die räumliche Verteilung im Salzburger Dom nachzuahmen: Basso continuo (Violoncello und Violone) in der Mitte, zwischen den beiden rechts und links platzierten, aus je acht Solisten bestehenden Stimmchören in concerto (choro 1 und 5), die jeweils von einer Orgel begleitet werden; spiegelbildlich gegenüber die beiden Streicherensembles (choro 2 und 6); hinter den Stimmchören rechts die 2 Cornetti und die 3 Barockposaunen (choro 4), der venezianischen Tradition entsprechend, und links 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Dulziane und 2 Clarini (choro 3). Die letzten beiden Chöre unterscheiden sich durch ihren weichen Klang und die hohen Harmonien von den eher militärischen Klängen der beiden chori von Tromben und Timpani (Loco 1 und 2), die weit weg an jedem Ende der Kirche (am Altar und am Haupteingang) aufgestellt sind, von wo sie mit ihren kräftigen Tönen bei den entsprechenden Abteilungen der Messe und der Motette Akzente setzen. Diese Instrumentengruppen stellen die Verbindung zwischen Himmel und Erde her: hell aufbrechende Fanfaren preisen die Ehre Gottes und feiern die Stärke und Pracht einer tausendjährigen Kirche und eines Stadtstaats im Zentrum der politischen Macht eines Landes im Herzen des ältesten Teils des germanischen Europas.
Nur schwer können wir uns vorstellen, wie die Salzburger in jenem Jahr 1682 diese wahrhaft strahlende, einem planetarischen Nebel gleichende musikalische Erscheinung aufgenommen haben. Es lässt sich vermuten ˗ wie schon Reinhard Goebel (der Gründer und Leiter von Musica Antiqua Köln) ˗ annahm, „dass sie genauso bewegt und sprachlos waren wie wir heute es sind ˗ und ganz besonders wir, die Interpreten“. Mit Gewissheit jedenfalls zeigt uns diese Musik, dass Salzburg nicht nach Rom oder Venedig kommt. Der Glanz des Barock dieses Erzbistums erinnert uns an das symbolische Bild des himmlischen Jerusalems mit tausend Türmen und tausend Cherubinen, die das ewige Lob eines himmlischen Lebens singen und uns eine neue Friedensbotschaft und das Versprechen universeller Erlösung bringen.
JORDI SAVALL
Salzburg, 27. Juli 2015
Übersetzung: Claudia Kalász