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ERASMUS. Éloge de la Folie
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AVSA9895

  • Jordi Savall
  • La Capella Reial de Catalunya
  • Hspèrion XXI

Erasmus war jederzeit bereit, gegen Ungerechtigkeiten, Kriege, Fanatismus und sogar gegen die moralische Dekadenz seiner eigenen Kirche die Feder zu ergreifen. Der Denker, dessen Autorität sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts in ganz Europa Anerkennung verschaffte, stellte sich ein Reich vor, das ohne Gewalt, allein durch die Macht seiner geistigen Kraft, siegen würde. Bei Stefan Zweig heißt es: „Einen wunderbaren Augenblick lang ist Europa einig in dem humanistischen Wunschtraum einer einheitlichen Zivilisation, die mit einer Weltsprache [Latein], einer Weltreligion, einer Weltkultur der uralten, verhängnisvollen Zwietracht ein Ende machen sollte, und dieser unvergeßliche Versuch bleibt denkwürdig gebunden an die Gestalt und an den Namen des Erasmus von Rotterdam. Denn seine Ideen, Wünsche und Träume haben für eine Weltstunde Europa beherrscht, und es ist sein und zugleich unser Verhängnis, daß dieser reingeistige Wille zur endgültigen Einigung und Befriedung des Abendlands nur ein rasch vergessenes Zwischenspiel blieb in der mit Blut geschriebenen Tragödie unseres allgemeinsamen Vaterlands.“

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Dass Erasmus noch heute im kulturellen Gedächtnis verankert ist, verdankt sich vor allem den schönen Porträts von Holbein, Dürer und Quentin Metsys und einem Jugendwerk, dem Lob der Torheit. Sein ganzes umfassendes, nur wenigen Spezialisten bekanntes Opus und sein Leben wurden erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts ausführlicher zur Kenntnis genommen und verbreitet. Besonders einige Essays, allen voran Stefan Zweigs Darstellung Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam (1934 in Österreich erschienen, 1935 in Frankreich und Italien und danach in viele andere Sprachen übersetzt), trugen dazu bei, seine wahre Bedeutung als großer Reisender und vom Gedanken des Dialogs und des Friedens Begeisterter besser wahrzunehmen. In seiner Querela pacis schrieb Erasmus: „Die ganze Welt ist Vaterland für uns alle“, und das in einer Zeit, wo in Europa die Kriege tobten. Der zu Zwistigkeiten führende Hass zwischen Engländern, Deutschen, Spaniern, Italienern und Franzosen erschien ihm absurd.

Erasmus war jederzeit bereit, gegen Ungerechtigkeiten, Kriege, Fanatismus und sogar gegen die moralische Dekadenz seiner eigenen Kirche die Feder zu ergreifen. Der Denker, dessen Autorität sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts in ganz Europa Anerkennung verschaffte, stellte sich ein Reich vor, das ohne Gewalt, allein durch die Macht seiner geistigen Kraft, siegen würde. Bei Stefan Zweig heißt es: „Einen wunderbaren Augenblick lang ist Europa einig in dem humanistischen Wunschtraum einer einheitlichen Zivilisation, die mit einer Weltsprache [Latein], einer Weltreligion, einer Weltkultur der uralten, verhängnisvollen Zwietracht ein Ende machen sollte, und dieser unvergeßliche Versuch bleibt denkwürdig gebunden an die Gestalt und an den Namen des Erasmus von Rotterdam. Denn seine Ideen, Wünsche und Träume haben für eine Weltstunde Europa beherrscht, und es ist sein und zugleich unser Verhängnis, daß dieser reingeistige Wille zur endgültigen Einigung und Befriedung des Abendlands nur ein rasch vergessenes Zwischenspiel blieb in der mit Blut geschriebenen Tragödie unseres allgemeinsamen Vaterlands.“

Erasmus zufolge bedeutet die Tyrannei einer Idee eine Kriegserklärung an die Freiheit des Geistes. Darum hat er es sein Leben lang abgelehnt, für eine Ideologie oder Gruppe Partei zu ergreifen. Er war überzeugt, dass ein Angehöriger einer bestimmten Partei immer nur parteiisch glauben, denken und fühlen könne. Aus diesem Grund respektierte er alle Gedanken, ohne die Autorität einer einzigen Richtung anzuerkennen. Er war der erste Denker, der sich als Europäer verstand. Er verteidigte den Zugang aller zur Kultur und zum Wissen als unerlässliche Grundlage der Erziehung der Menschheit, denn für ihn war nur dasjenige Individuum unkultiviert und unwissend, das sich ohne nachzudenken seinen Leidenschaften überließ. Unglücklicherweise wurde er am Ende seines Lebens mit einer gewaltsamen und unkontrollierbaren Welt konfrontiert. „In Paris hat man seinen Übersetzer und Schüler Berquin an langsamem Feuer verbrannt, in England seinen geliebten John Fisher und Thomas Morus, seine edelsten Freunde, unter das Beil geschleppt [1535]“. Zwingli, mit dem er oft Briefe gewechselt hatte, wurde in der Schlacht bei Kappel getötet (1531), Rom von den Landsknechten Karls V. geplündert (Sacco di Roma, 1527).

Doch am tiefsten traf Erasmus die Auseinandersetzung mit Luthers Theorien; denn er wusste, dass der friedliche Kampf angesichts der Starrköpfigkeit und Unnachgiebigkeit seines Gegners von Anfang an aussichtslos war. Bald ahnte er das Nahen der Katastrophe: „Möge es nur nicht wirklich ein tragisches Ende nehmen “, rief er in dunkelster Vorahnung aus. Zu jener Zeit hatte Luther bereits begonnen, die Aufstände von 1525 zu verurteilen, als er sah, dass der Bauernkrieg sich gegen die Grundherren wendete. In einer kleinen Broschüre von seltener Schärfe, einem wahren Aufruf zum Massaker mit dem Titel Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern, schrieb er: „(…) Drumb sol hie zuschmeyssen, wurgen und stechen heymlich odder offentlich, wer da kan, und gedencken, das nicht gifftigers, schedlichers, teuffelischers seyn kan, denn eyn auffrurischer mensch, (…) Darumb ist hie nicht zu schlaffen. Es gillt auch nicht hie gedult odder barmhertzickeyt. Es ist des schwerds und zorns zeyt hie und nicht der gnaden zeyt. So soll nu die oberkeit hie getrost fort dringen und mit gutem gewissen dreyn schlahen, weyl sie eyne ader regen kan. (…) Drumb, lieben herren, (…) Steche, schlahe, wůrge hie, wer da kan”. Bedenkenlos ergriff Luther unwiderruflich die Partei der Obrigkeit gegen das Volk. Am Ende, als Württembergs Felder blutgetränkt waren, gab er höchst freimütig zu: „Ich, Martin Luther, habe im Aufruhr alle Bauern erschlagen, denn ich habe sie heißen totschlagen: all ihr Blut ist auf meinem Hals.“

Erasmus war untröstlich, als er sah, „dass die religiösen Parteien zwischen Rom, Zürich und Wittenberg sich bis aufs Blut bekämpfen; wie ziehende Gewitter gehen die Kriege über Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien nieder; der Name Christi ist eine Kriegslosung geworden.“ Schließlich war es die Geschichte des 20. Jahrhunderts, die aufs Grausamste bewies, wie sehr die Humanisten die Zivilisation überschätzt hatten. Erasmus konnte sich nicht vorstellen, welch schreckliche und geradezu unlösbare Probleme aus dem Rassenhass erwachsen würden. Und doch ist es so, wie Stefan Zweig bemerkte: „Immer waren der Welt Menschen notwendig, die sich weigern, zu glauben, die Geschichte sei nichts als eine stumpfe, monotone Selbstwiederholung, ein in veränderter Gewandung sich gleich sinnlos erneuerndes Spiel, sondern die unbelehrbar darauf vertrauen, dass sie moralisch Fortschritt bedeute, daß auf unsichtbarer Stufenleiter unser Geschlecht aufsteige von Tierhaftigkeit zur Göttlichkeit, von brutaler Gewalt zum weise ordnenden Geist, und daß die letzte, die höchste Stufe der völligen Verständigung schon nahe, schon beinahe erreicht sei. (…) Nein, es kann nicht mehr lange dauern, so jubeln Erasmus und die Seinen, und die Menschheit, so verschwenderisch von ihrer eigenen Kraft belehrt und beschenkt, muß ihre moralische Mission erkennen, in Hinkunft nur mehr brüderlich zu leben, sittlich zu handeln und alle Rückstände ihrer bestialischen Natur endgültig auszurotten. (…) Aber es ist nicht das heilige Morgenrot, das über der finsteren Erde dämmert: es ist der Feuerbrand, der ihre idealische Welt zerstören wird. Wie die Germanen ins klassische Rom, so bricht Luther, der fanatische Tatmensch, mit der unwiderstehlichen Stoßkraft einer nationalen Volksbewegung in ihren übernationalen, idealistischen Traum. Und noch ehe der Humanismus sein Werk der Welteinigung wahrhaft begonnen hat, schlägt die Reformation die letzte geistige Einheit Europas, die ecclesia universalis, mit eisernem Hammerschlag entzwei.“

Unser neues CD-Buch-Projekt ging aus der Absicht hervor, dem außergewöhnlichen Humanisten mittels eines lebendigen Dialogs von Texten und Kompositionen seiner Zeit, die ganz in den historischen Kontext eingebettet sind, eine würdige Hommage zu erweisen. Zu diesem Zweck lassen wir ihn selbst zu Wort kommen und rezitieren Textstellen aus Briefen sowie einigen seiner grundlegenden Schriften. Neben der Stimme von Erasmus selbst sind auch die der Torheit, die von Thomas Morus und Luther zu hören. Auf den drei zum Buch gehörenden CDs werden die im Dialog mit der Musik ihrer Zeit stehenden Texte auf Französisch vorgetragen, und zwar von Louise Moaty (die Torheit), Marc Mauillon (Erasmus und Adagia) und René Zosso (Thomas Morus, Macchiavelli und Luther). Ergänzend dazu kann man im Internet alle Texte mit derselben musikalischen Begleitung in sechs weiteren europäischen Sprachen hören: Deutsch, Englisch, Spanisch, Katalanisch, Holländisch und Italienisch. Für diejenigen, die an der Musik allein interessiert sind, fügen wir außerdem noch drei CDs hinzu, die nur die Musikstücke ohne den gesprochenen Text enthalten. Die Rede der Torheit (CD 1) wird begleitet von Improvisationen, vokalen und instrumentalen Variationen oder Adaptationen des musikalischen Themas der Torheit, während Kompositionen von Dufay, Josquin, Sermisy, Lloyd, Isaac, Du Caurroy, Moderne, Morales, Trabaci sowie anonyme abendländische, sefardische und osmanische Stücke die auf CD 2 und 3 versammelten Texte zu den wichtigsten Ereignissen im Leben des Erasmus und seiner Zeit begleiten.

Wir sind überzeugt davon, dass die Gedanken des großen Humanisten, seine kritischen Überlegungen und seine Philosophie sogar nach 500 Jahren noch eine der wichtigsten Quellen humanistischer und spiritueller Weisheit von überraschender Aktualität darstellen, was auch auf die Warnung zutrifft, die sein enger Freund Thomas Morus ˗ ebenfalls ein großer Denker ˗˗ in seinem Werk Utopia äußert: „wo aller Besitz Privatbesitz ist, wo alles am Maßstab des Geldes gemessen wird, da kann es wohl kaum je geschehen, daβ der Staat gerecht und gedeihlich verwaltet wird, wofern du nicht meinst, das sei die gerechte Verwaltung, daβ das Kostbarste in die Hände der Schlechtesten kommt, oder unter einer glücklichen Regierung befinde man sich dort, wo alle Habe unter einige wenige verteilt wird, die auch nicht einmal besonders behaglich leben, während alle Übrigen ganz unleugbar elend daran sind.“ Diese vor fünf Jahrhunderten verfasste zutreffende Beschreibung der aktuellen Krise in Europa und der Welt zeigt, bis zu welchem Punkt das Studium und die Kenntnis der großen humanistischen Denker uns helfen kann, über unser eigenes menschliches Geschick nachzudenken und neue Wege des Dialogs, der Gerechtigkeit und des Friedens zu finden. Im Denken der Humanisten zeichnet sich schon das heute immer noch nicht vollständig verwirklichte Postulat einer europäischen Union unter dem Vorzeichen einer gemeinsamen Kultur und Zivilisation ab. Es ist die Idee eines geeinten Europas, das sich in seiner Entwicklung von einer Moral leiten lässt, die weit über ökonomischen oder territorialen Interessen steht.

JORDI SAVALL
Bellaterra, Herbst 2012

Übersetzung: Claudia Kalász

Interview ORF TV (20-01-2018- Weiner Konzerhaus)