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ESPRIT DES BALKANS
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  • HESPÈRION XXI
  • Jordi Savall

Trotz der ihre Geschichte prägenden gewaltsamen Übergriffe und ihrer sprachlichen und politischen Zersplitterung teilen die Balkanvölker noch viele gemeinsame kulturelle Eigenschaften und das Erbe ihrer historischen Vergangenheit. In unserer ersten Einspielung wollten wir zusammen mit den aus unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Regionen stammenden Gastmusikern vor allem diese Gemeinsamkeiten zur Geltung bringen. In Zusammenarbeit mit ihnen haben wir Musik unterschiedlichster Herkunft ergründet, ausgewählt, vorbereitet und im Studio aufgenommen, mit dem Ziel, eine ansprechende musikalische Blütenlese mit alten, traditionellen und populären Melodien aus diesem faszinierenden und immer noch geheimnisvollen Teil Osteuropas zusammenzustellen. Wir sind überzeugt davon, dass durch den Gefühlsreichtum, die Schönheit und Lebendigkeit der präsentierten Musik greifbarer wird, was wir gern als musikalische Darstellung des wahrhaften „Geists des Balkans“ definieren.

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Beschreibung

Der Gedanke, ein groβes musikalisches und historisches Projekt über die Balkanvölker und die in der Diaspora lebenden Roma und Sepharden in Angriff zu nehmen, entstand Ende 2011 bei der Vorbereitung des Konzerts „Hommage für Sarajevo“, das am 9. Juli 2012 in Barcelona im Rahmen des Festival Grec aufgeführt wurde. Vor zwanzig Jahren erlitt die Stadt Sarajevo bei dem aus dem Zerfall der jugoslawischen Republik hervorgegangenen tragischen Kriegsgeschehen die Schrecken der Belagerung durch serbische Truppen. Mehr als 12 000 Menschen wurden getötet, mehr als 50 000 schwer verwundet. Europa allen voran, aber auch der Rest der Welt reagierten mit absolutem Schweigen und trafen die höchst fragwürdige Entscheidung, nicht in den Konflikt einzugreifen, was die vierjährige Fortdauer der furchtbaren Einkesselung der Hauptstadt Bosniens (1992-1996) zur Folge hatte. Die internationale Staatengemeinschaft intervenierte mit Entschiedenheit erst 1995, doch bis dahin hatten bereits 20 Millionen Kilogramm Projektile und Munition die architektonische und menschliche Geografie der Stadt für immer entstellt. Von alters her war sie ein kultureller Kreuzungspunkt der Balkanhalbinsel, wo die Tradition der Slaven mit ihrem orthodoxen oder katholischen Glauben sich in vollkommener Harmonie mit den neu hinzugekommenen Kulturen vermischte. Dazu gehörte der Islam der Türken des Osmanischen Reichs, das den Balkan mehr als vierhundert Jahre lang beherrschte, und das Judentum der Sepharden, die nach ihrer Vertreibung von der iberischen Halbinsel 1492 hier Zuflucht fanden. „Der letzte Balkankrieg“ – so bemerkt Paul Garde – „war unvermittelt in einem seit einem halben Jahrhundert in tiefem Frieden lebenden Europa ausgebrochen, das die Härten der Geschichte schon vergessen hatte. Daher das Unverständnis und Misstrauen gegen diese Region und die Wiederkehr alter Stereotypen, die ihr unterstellen, seit jeher dem Verbrechen und dem Unglück verschrieben zu sein.“ Auch wenn die Region einerseits als „Pulverfass Europas“ gilt, darf man nicht vergessen, dass die Halbinsel ebenfalls, wie Pedrag Matvejević unterstreicht, „die Wiege der europäischen Zivilisation“ war. Die Mittelmeerhalbinsel erstreckt sich von der Insel Kityara im Süden bis hin zur Donau und Sawe im Norden. Aber es ist ebenfalls richtig, was Georges Castellan betont, dass „der Olivenbaum Istanbul nicht erreicht und dass die bulgarischen Gebiete nichts den Lüften des Mittelmeers schulden. Doch auch wenn die Landschaft sich verändert, weisen die Dörfer und Städte zwischen Peloponnes und Moldawien gemeinsame Züge auf. Überall sind die Kuppeln der byzantinischen Kirchen zu sehen, dazwischen oft eine Moschee, die typischen Häuser mit Erkern – çardak – und die Herbergen – han – wo die Karawanen rasteten. Man findet sie in Patras wie in Bukarest, in Shkodra wie in Plovdiv, und nicht zu vergessen die offenen Verkaufsstände an den Straβen, wo die Handwerker beim Hämmern eines Kupfertellers ihren Kunden einen türkischen Kaffee anbieten. Ähnlichkeiten? Gewiss, nämlich die verschiedener Völker, die nach einem langen gemeinsamen historischen Abenteuer im Innern Europas eine spezifische kulturelle Eigenart herausgebildet haben.“ Aufmerksame Reisende beobachteten eine gewisse Lebenskunst, einen bestimmten Geist des Balkans, bestehend aus einer Mischung von Nichtstun, Sinn für das Zusammenleben und besonders für die Gastfreundschaft, ein immer noch von allen Balkanvölkern respektierter essenzieller Wert, der besonders in den ländlichen Gebieten weiterhin gepflegt wird.

Um die besondere Eigenart des Balkans richtig zu verstehen, muss man in die Geschichte zurückgehen. Mit dem Fall des Römischen Imperiums im 5. Jahrhundert entstand im östlichen Teil des Mittelmeerraums das Byzantinische Reich mit seiner Hauptstadt Konstantinopel – viele Jahre hindurch, bis 1453, die gröβte und reichste Stadt auf dem Balkan. Unter byzantinischer Herrschaft wurde die Halbinsel politisch und religiös geeint. Das damals eingeführte christlich orthodoxe Vermächtnis blieb eine wesentliche Charakteristik der meisten Balkanländer. Ab dem 16. Jahrhundert fiel der ganze Balkan in die Hände der Osmanen, die schon seit ihrer Eroberung und Umbenennung Konstantinopels 1453 von Istanbul aus die tolerante Haltung des traditionellen Islams gegenüber der christlichen Mehrheit angenommen hatten. Die Christen wurden als „Volk des Buches“ respektiert, sofern sie die muslimische Herrschaft anerkannten und die Steuern zur Befreiung vom Militärdienst zahlten. Der Eroberungszug der Osmanen hatte auch beachtliche Umwälzungen unter den Einwohnern der Region zur Folge. Zum einen führte er eine dritte Religion, den Islam, ein. Auβerdem erzeugte er durch seine Verwüstungen eine massive Migrationsbewegung, die zu einer unauflöslichen Vermischung der Bevölkerung, der Sprachen und Kulturen führte. Manuel Forcano erinnert daran, dass die Osmanen nach ihrer Invasion die Halbinsel Balkan nannten, ein Name, der sich aus den türkischen Wörtern bal und kan zusammensetzt, was “Honig und Blut” bedeutet. Die Eroberer entdeckten nicht nur den Reichtum des Gebiets – seine Früchte und die Süβe seines Honigs – sondern auch den kriegerischen, rebellischen Mut der Einwohner, die wildentschlossen gegen die Eindringlinge kämpften.

Am Ende des 17. Jahrhunderts begann das Osmanische Reich an Einfluss zu verlieren. Die Österreicher eroberten Ungarn, die Wojwodina und Slawonien. 1739 wurde schlieβlich der Friedensvertrag von Belgrad unterzeichnet, der dem langen Krieg zwischen beiden Imperien ein Ende setzte. Anderthalb Jahrhunderte lang bildeten die Sawe, die Donau und die Bergkämme der transsilvanischen Alpen eine stabile Grenze.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich in Europa das Nationalbewusstsein allerorten mit dem gleichen Elan. Alle den Türken unterworfenen christlichen Nationen rebellierten gegen ihre Oberherrschaft. Serbien (1804), Montenegro (1820), Griechenland (1821), die Walachei und Moldawien vereinten sich und gründeten Rumänien (1877) und Bulgarien (1878). Man erlebte eine kulturelle, sprachliche und literarische Renaissance der verschiedenen Völker, der Ungarn, Rumänen, Slowenen, Kroaten und Serben. 1912 brach der erste Balkankrieg aus: Serbien, Griechenland, Bulgarien und Montenegro kämpften gemeinsam gegen die Türkei. Der zweite Balkankrieg begann ein Jahr später, nach der Niederlage der Bulgaren. Zur gleichen Zeit wurde Mazedonien zwischen den Serben und Griechen aufgeteilt und Albanien erlangte die Unabhängigkeit. Bald darauf entflammte der Erste Weltkrieg, ausgelöst vom Balkankonflikt, als Erzherzog Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 in Sarajevo ermordet wurde.

Schmelztiegel der Völker, der Religionen und Kulturen stellte der Balkan das geheimnisvollste Gesicht des „anderen Europas“ dar, da er aufgrund seiner Zugehörigkeit zum Osmanischen Reich mehr als vierhundert Jahre lang fast vollständig am Rande der kulturellen und sozialen Hauptströmungen Westeuropas existiert hatte. So wurde der Balkan ein höchst umstrittener Kreuzungspunkt: einerseits als Begegnungsstätte und andererseits als Gebiet dramatischer Auseinandersetzungen.

Trotz der ihre Geschichte prägenden gewaltsamen Übergriffe und ihrer sprachlichen und politischen Zersplitterung teilen die Balkanvölker noch viele gemeinsame kulturelle Eigenschaften und das Erbe ihrer historischen Vergangenheit. In unserer ersten Einspielung wollten wir zusammen mit den aus unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Regionen stammenden Gastmusikern vor allem diese Gemeinsamkeiten zur Geltung bringen. In Zusammenarbeit mit ihnen haben wir Musik unterschiedlichster Herkunft ergründet, ausgewählt, vorbereitet und im Studio aufgenommen, mit dem Ziel, eine ansprechende musikalische Blütenlese mit alten, traditionellen und populären Melodien aus diesem faszinierenden und immer noch geheimnisvollen Teil Osteuropas zusammenzustellen. Wir sind überzeugt davon, dass durch den Gefühlsreichtum, die Schönheit und Lebendigkeit der präsentierten Musik greifbarer wird, was wir gern als musikalische Darstellung des wahrhaften „Geists des Balkans“ definieren.

Heutzutage scheint die „Balkankultur“, die durch die Filme von Emir Kusturica oder die Musik von Goran Bregoviç populär geworden ist, eine breite Anerkennung gefunden zu haben. Immer mehr Festivals mit Balkanmusik finden statt und Musikgruppen wie die Fanfare Ciocârlia oder das Ensemble von Boban Marković füllen die Säle. Die traditionelle Musik des Balkans, oder zumindest das, was man im Westen darunter versteht, ist bei jedem guten Schallplattenhändler in der Abteilung „Musik der Welt“ zu finden. Nicht so bekannt ist hingegen die weniger „folkloristische“ Musik, die nicht den Vorstellungen des westlichen Publikums entspricht. Man muss daran erinnern, dass die Balkanmusik im Wesentlichen einen ganz starken Einfluss von der Kultur der Roma erhalten hat (dazu der Artikel von Javier Pérez Senz „Musik aus der Seele der Roma“), was die meisten Musikologen scheinbar vergessen, wenn sie bezüglich dieser Region von „serbischer“, „bulgarischer“ oder mazedonischer“ Musik sprechen, ohne zu erwähnen, dass deren Quellen sowie die Interpreten oft bei den Roma zu finden sind.

Einige der besten Musiker aus den unterschiedlichen Kulturen dieser osteuropäischen Region, die Solisten von Hespèrion XX und ich selbst haben versucht, uns dem auβerordentlichen historischen Musikerbe, das so traditionell wie modern ist, anzunähern, es gemeinsam zu analysieren, daraus eine Auswahl zu treffen und diese zu interpretieren, um so einen wahren Dialog zwischen den verschiedenen Kulturen herzustellen, die oft durch dramatische und althergebrachte Konflikte zerrissen sind.

Unsere Auswahl ging hervor aus den Nachforschungen über die sephardische und osmanische Musik, die in den wichtigsten Städten des Balkans noch erhalten ist, und verdankt sich vor allem den Vorschlägen der zur Mitarbeit an dem Projekt eingeladenen Musiker und Musikgruppen wie Bora Dugić, Tcha Limberger, Nedyalko Nedyalkov, Dimitri Psonis, Gyula Csík und Moslem Rahal. Allen gilt unser Dank für ihren groβen Einsatz und die wunderbare musikalische Interpretation, deren Verschiedenheit und Vielfalt dazu beiträgt, dass der „Geist des Balkans“ Gestalt annimmt und als solcher erfahrbar wird. Die Aufnahme enthält Stücke aus alter und neuer Überlieferung, aus ländlichen und städtischen Gebieten, Musik für festliche Anlässe (die Ciocârlia im Titel Nr. 14 wurde zur Einweihung des Eiffelturms 1889 komponiert) und Anklänge an zahlreiche Traditionen: Lieder und Tänze verschiedenster Herkunft, von Bulgarien bis Serbien, von Mazedonien bis zur Türkei und den Grenzgebieten des ehemaligen Osmanischen Reichs, von Rumänien bis zur ungarischen Grenze, von Bosnien bis nach Griechenland, von der Musik der Sepharden bis zur Musik der Roma. Dieses fürwahr musikalische Mosaik wird mit den Originalinstrumenten jeder vertretenen Kultur interpretiert: Kaval, Gadulka (bulgarische Lyra), Tambura, kretische Lyra, Kamancheh, Kanun, Oud, Tambura, Ney, Santur, Saz, Violine und Kontrabass, Frula, Zymbal, Akkordeon, Orgel und Gitarre usw. In ihrer Aufeinanderfolge lassen die Stücke eine multikulturelle Landkarte der Musiktraditionen in diesem musikalisch so reichen Teil Osteuropas erstehen. Die Musik überrascht und nimmt gefangen mit ihrer Vitalität und Leidenschaft, aber auch mit ihrer Schönheit und Spiritualität. Man wird feststellen, dass die Balkanvölker einander trotz ihrer nationalen Verschiedenheiten oft im Innersten durch tiefe Verwandtschaft verbunden sind. Die hier vorliegende Aufnahme L’Esprit des Balkans ist das Vorspiel zu dem umfangreicheren Projekt eines CD-Buchs mit dem Titel Honig & Blut zur Musik und Geschichte der Balkanregion, das gegen Ende des Jahres erscheinen soll.

Die Festigung des Friedens auf der Halbinsel vollzieht sich nur unter groβen Schwierigkeiten, besonders in den am meisten vom Balkankrieg betroffenen Gebieten, Bosnien und dem Kosovo. Aber das gegenseitige Verständnis und die Integration der verschiedenen Balkanvölker wird nicht ohne eine wirkliche Versöhnung erreichbar sein – ähnlich wie die vor einem halben Jahrhundert zwischen Frankreich und Deutschland stattgefundene – und nicht ohne die Eingliederung in die Europäische Union. Schon Paul Garde betont ja: „sie müssen nicht erst Europäer werden, sie sind es bereits“. Doch der „Engel der Geschichte“ blickt bei seinem Voranschreiten zurück. Das verlangt einen Prozess ernsthafter Versöhnung zwischen den Identitäten und Vergangenheiten aller Länder, in den alle Schichten der Geschichte des Balkans, besonders auch des osmanischen Erbes mit einbezogen werden. Wie Jean-Arnault Dérens und Laurent Geslin unterstreichen, glauben auch wir, dass die Balkanvölker erst durch die Wiederentdeckung ihrer eigenen Geschichte und ihrer vielgefächerten Identität erneut ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen könnten. Dabei würden sie zeigen, wie man auf eine andere Art Europäer sein kann, so dass der Westen aus dem Wundern und Staunen nicht mehr herauskäme.

JORDI SAVALL
Bellaterra, Frühjahr 2013

Übersetzung: Claudia Kalász

Bibliographie der Schriften (Auswahl) und Sekundärliteratur:
–Timothy Rice. Music in Bulgaria : Experiencing Music, Expressing Culture. New York : Oxford University Press 2004.
–Jean-Arnault Dérens et Laurent Geslin. Comprendre les Balkans. Histoire, sociétés, perspectives. Paris: Éditions Non Lieu 2010.
–Georges Castellan. Histoire des Balkans : XIVe-XXe siècle. Paris : Fayard 1991.
–Paul Garde. Les Balkans – Héritages et évolutions. Paris, Ed. Flammarion, Champs actuel, 2010.