Free Shipping
  • LA SUBLIME PORTE Voix d’Istanbul (1430 – 1750)
  • LA SUBLIME PORTE Voix d’Istanbul (1430 – 1750)
Shop > SACD
LA SUBLIME PORTE Voix d’Istanbul (1430 – 1750)
17,00
+ Versandkosten
Infos

Reference: AVSA9887

  • Gürsoy Dinçer
  • Montserrat Figueras
  • Lior Elmaleh
  • HESPÈRION XXI
  • Jordi Savall

Im Jahr 1453 beginnt mit der Eroberung Konstantinopels durch Mehmed II. die große Aufteilung des Mittelmeerraums unter den christlichen Nationen und dem osmanischen Reich. Dies geschieht nur einige Jahrzehnte vor dem Fall des Kalifats von Granada (Januar 1492) im Zuge der Reconquista, der nach sieben Jahrhunderten die arabische Herrschaft auf der spanischen Halbinsel beenden und im März desselben Jahres die Vertreibung der Juden auslösen sollte.

Beschreibung

Die reisenden Juden tragen einen gelben Turban, die Armenier, Griechen, Maroniten,
Kopten und alle anderen Nationen christlichen Glaubens
tragen einen blaugrünen oder bunten; denn nur die Türken tragen einen weißen Turban …

Sie sprechen drei Sprachen […] die unter den Einwohnern gebräuchlich sind.
Da ist das Spanische für die Juden, dann Griechisch und Türkisch. Letztere ist die verbreitetste Sprache. Es gibt auch einige arabische und armenische Familien.

Pierre Belon, Observations (Reise in die Türkei, 1553)

Im Jahr 1453 beginnt mit der Eroberung Konstantinopels durch Mehmed II. die große Aufteilung des Mittelmeerraums unter den christlichen Nationen und dem osmanischen Reich. Dies geschieht nur einige Jahrzehnte vor dem Fall des Kalifats von Granada (Januar 1492) im Zuge der Reconquista, der nach sieben Jahrhunderten die arabische Herrschaft auf der spanischen Halbinsel beenden und im März desselben Jahres die Vertreibung der Juden auslösen sollte.

„Die Empörung verbietet mir zu schweigen, doch dem Schmerz fehlen die Worte. Es ist eine Schande noch zu leben. Italien, Deutschland, Frankreich, Spanien sind blühende Staaten und doch (welche Schande) lassen sie zu, dass Konstantinopel von den wollüstigen Türken eingenommen wird!“ Die dramatischen Worte des Kardinals Piccolomini nach dem Verlust der byzantinischen Hauptstadt geben ein in der westlichen Welt allgemein verbreitetes Gefühl wieder. Überall sah man Aufrufe, sich zur Wiedereroberung der Stadt zu vereinigen, und 1455 proklamierte Papst Kalixt III. (Alfonso Borgia) gleich nach seiner Wahl den Kreuzzug gegen die Türken. Er fand nicht statt, denn es mangelte den christlichen Königreichen an Mitteln und Einigkeit. So wurde Byzanz die Hauptstadt des osmanischen Reichs und Brennpunkt des Islams, ohne doch seine Bedeutung als Zentrum der orthodoxen Christen zu verlieren. In Erinnerung bleiben die Interessenbündnisse, die umstandsbedingt eingegangen wurden, sowie die Handelsabkommen zwischen ansonsten weiterhin unerbittlichen Feinden. Aber das erstaunlichste Ereignis in jener zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts war ein 1461 von Papst Pius II. (Enea Silvio Piccolomini) an Sultan Mehmed II. gerichteter Brief. Sein Inhalt ist doppelt überraschend, denn er wurde zu dem Zeitpunkt abgeschickt, als der Papst einen baldigen Kreuzzug gegen den Sultan vorbereitete. Pius II. bot dem eingeschworenen Feind der Christenheit an, ihn als Herrscher anzuerkennen, wenn er sich zum Katholizismus bekehren würde. Das Oberhaupt im Kampf gegen die Türken schlug dem Sultan vor, seine Eroberungen zu legitimieren und ihn fortan als Nachfolger Konstantins anzusehen, wenn er die Taufe akzeptierte. In seinen Worten: „Wenn du dein Reich unter den christlichen Völkern ausdehnen und deinem Namen überragenden Glanz verleihen willst, brauchst du kein Gold, keine Waffen, keine Truppen und keine Schiffe. Eine Kleinigkeit genügt, um aus dir den größten, mächtigsten und berühmtesten Mann unter allen Lebenden zu machen: einige Tropfen Wasser für deine Taufe, die deine Aufnahme in den christlichen Ritus und in den Glauben an das Evangelium besiegelt. Wenn du dies annimmst, […] werden wir dich Herrscher über Griechenland und den Orient nennen, und die von dir mit Gewalt angeeigneten Länder, die du heute rechtlos besitzt, werden dein legitimes Eigentum sein.“

Um diese Handlungsweise nachvollziehen zu können, muss man sich vergegenwärtigen, dass die westliche Welt nicht davon abließ, in den Türken die Erben der großen Reiche der Vergangenheit zu sehen. Die Türken hatten nicht nur den größten Teil der bekannten Königreiche der Antike absorbiert, sondern auch die Stärke der römischen Armee geerbt. Dadurch, dass die osmanische Armee nach und nach die einst zum römischen Imperium gehörenden Länder wieder eingenommen hatte, schien sie das imperiale Programm wiederzubeleben oder sogar über sich hinauszutreiben. Im 15. Jahrhundert hatte man die Hoffnung auf ein großes Reich noch nicht aufgegeben. Ein Herrscher musste den Thron besteigen, um die Wiederkehr Christi vorzubereiten. Symptomatisch ist zum Beispiel, dass Karl VIII. sich nach der Einnahme Neapels im Jahr 1495 als König von Frankreich, Kaiser von Konstantinopel und König von Jerusalem ausrufen ließ.

In der Tat ging es um die Vereinigung von Orient und Okzident. Im Verlauf des 16. Jahrhunderts erlangte ein biblischer Text besondere Popularität, der vielfach interpretiert wurde: das Buch Daniel. Die Geschichte ist bekannt: Nebukadnezar, König von Babylon, hat einen seltsamen Traum, den scheinbar niemand auf Erden zu deuten vermag. Der vor den König geführte junge Prophet Daniel löst das Rätsel. Auf diesen Text gründet sich Lucette Valensi zufolge (Venise et la Sublime Porte [Venedig und die Hohe Pforte]) die Annahme, dass die Weltgeschichte vier Reiche durchlaufen muss. Auf die heidnischen Monarchien – die babylonisch-assyrische, die persische, die griechische und die römische – müsste zuletzt das Reich Gottes auf Erden folgen. Der Rabbi Isaak Abravanel hielt am Ende des 15. Jahrhunderts das osmanischen Reich für die letzte heidnische Monarchie. Auf das Buch Daniel stützte sich auch Francesco Meleto, Sohn eines florentinisch-bolognesischen Kaufmanns und einer russischen Sklavin, und verhalf der Prophezeiung zur Verbreitung in Florenz. Meleto wurde von Gesprächen inspiriert, die er auf Geschäftsreisen in Konstantinopel mit Juden und Muslims geführt hatte. Er verhieß die gleichzeitige Konversion von Juden und Muslims zum christlichen Glauben und die Erneuerung der Kirche. Danach sollten das universelle Heil, und eine Ära von Glück und Frieden anbrechen. Zum Schluss ist in diesem Zusammenhang das berühmte Buch von Guillaume de Postel zu erwähnen. De la république des Turcs [Über die türkische Republik] liefert zunächst eine bemerkenswert detaillierte Beschreibung des türkischen Reichs und stellt es daraufhin als Modell einer universellen Monarchie dar, dessen außergewöhnlichen Erfolg es zu ergründen gilt. Die Zeugnisse aus der damaligen Zeit bezeichnen Istanbul immer noch als Konstantinopel, vergleichen es unablässig mit Rom und sehen in ihm weiterhin die alte Hauptstadt des römischen Imperiums. Die Stadt verfügte nicht nur über eine offensichtlich privilegierte strategische Lage, sondern war dazu prädestiniert, als Hauptstadt der ganzen Welt Orient und Okzident zu regieren. 1503 begeisterte sich Andrea Gritti über die Schönheit der Stadt: „Man schätzt die Lage der Stadt wegen ihres Klimas, wegen der zwei Meere, die sie von zwei Seiten einfassen und wegen der Schönheit der umliegenden Landschaften. Es ist die schönste und glücklichste Lage nicht nur in Asien, sondern in der ganzen Welt.“ Ungefähr ein Jahrhundert später finden sich Nachklänge dieses Enthusiasmus bei Donà. Auch er beschreibt die vorteilhafte Lage Istanbuls zwischen Asien und Europa, seine „seltene Schönheit“ und gibt zu, dass die Stadt „wahrhaft eins der schönsten Schauspiele der Welt“ bietet. Seine ausufernde Beschreibung verrät nicht nur, dass auch er vom Gedanken einer durch die Türken zu verwirklichenden universellen Monarchie besessen ist, sondern sie spiegelt auch das Bild, das der Sultan selbst von sich und seiner Position gern in Szene setzte. Er war der Herr der zwei Meere und der zwei Kontinente – die Formel war den kaiserlichen Münzen eingeprägt – , er stand über allen Menschen und allen gekrönten Häuptern, er war der Schatten Gottes auf Erden. Seine Hauptstadt, die Hohe Pforte, nannte er „Sitz des Glücks“.

Die vorliegende Einspielung „Die Stimmen von Istanbul“ mit Vokal- und Instrumentalmusik (osmanischer, griechischer, sephardischer und armenischer Herkunft) aus dem Umkreis der „Hohen Pforte“ (des osmanischen Hofs, der „Pforte des Glücks“) ist eine Fortsetzung unserer ersten Sammlung von Instrumentalmusik des osmanischen, sephardischen und armenischen Istanbuls aus der Zeit des moldawischen Fürsten Dimitrie Cantemir und seiner Schrift Buch über die Wissenschaft der Musik. Im Lauf unserer vielfältigen Nachforschungen über die Musik, Kultur und Geschichte der Türken ist uns zunehmend bewusst geworden, wie erstaunlich wenig man im Abendland über die osmanische Geschichte und Zivilisation weiß.

Jean-Paul Roux betonte zu Recht in seiner Histoire des Turcs [Geschichte der Türken]: „Wir wissen mehr über die Türken als wir glauben, aber unsere Kenntnisse fügen sich nicht zusammen“. In der Schule haben wir gelernt, dass die Türken 1435 Konstantinopel einnahmen, dass Süleiman der Prächtige sich mit François I. gegen die Hegemonie von Charles Quint verbündete oder dass die Flotte der christlichen Nationen den Türken 1572 in der Schlacht bei Lepanto eine schreckliche Niederlage zufügte. Der große Miguel de Cervantes, der in Lepanto seine linke Hand verlor, evoziert meisterhaft die Welt der Osmanen in seiner 1615 verfassten Komödie La gran sultana [Die Großsultanin]. Durch Racine kennen wir den Sultan Bajazet. Die von Molière in sein Stück Le Bourgeois gentilhomme [Der Bürger als Edelmann] aufgenommenen „Türkerien“ waren noch im 18. Jahrhundert Mode. Lang ist die Liste der Autoren, die unsere Fantasie über die osmanische Welt und ihre Legenden angeregt haben: von Théophile Gautier zu Anatole France, von Lully zu Mozart, von Pierre Loti zu Victor Hugo, die Zeilen von Lamartine oder Nerval nicht zu vergessen, einige Gemälde von Ingres und Delacroix… und schließlich die in der Türkei angefertigten Wandteppiche von Bellini, Lotto und Holbein aus dem 15., 16. und 17. Jahrhundert. Zahlreiche Dinge unseres täglichen Lebens verraten noch ihre Beziehung zur türkischen Lebensweise und zu türkischen Gegenständen wie etwa die Kioske, kleine Pavillons, die auf türkisch köşk heißen. Die durch die Holländer vom Bosporus importierte Tulpe erhielt ihren Namen in Anlehnung an die Form des Turbans, tülbent. Wir essen oft türkische Gerichte und nicht nur das von den Türken chich-kebab (şiş kebap) genannte gegrillte Fleisch. Der Genuss des Kaffees und der Croissants (mit ihrer emblematischen Form, die auf den Fahnen der Angreifer prangte) kam nach einer Belagerung Wiens durch die Osmanen in Mode und der Joghurt (yoğurt), bekannt als „Nationalspeise der bulgarischen Bergbewohner“, ist von alters her bei den Nomaden der Steppen verbreitet und sein Name ist abgeleitet von dem türkischen Ausdruck yoğun (dicht oder verdickt) oder von Yoğunluk (Dichte) und yoğurtmak (verrühren). Unsere Fantasie bevölkern Wörter wie Serail, Harem, Odaliske, Hamam, orientalistische Gemälde, Sandsturm… So schwanken wir zwischen einem recht lückenhaften Repertoire schlecht bekannter Tatsachen und einer Abfolge irrealer, von unserer Fantasie beliebig verwandelter Vorstellungen.

Aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Die Türken verkörpern zehntausend Jahre Geschichte, vom Pazifik zum Mittelmeer, von Peking bis Wien, Algier und Troyes. Ihr Schicksal ist nahezu mit dem aller alten Völker verwoben. Dazu gehören Attila und die Hunnen, das Reich der Tabgatsch in Nordchina, ein jüdisches Königreich im südlichen Russland, die Gründung von Samarra – Hauptstadt der Abbassiden, das friedliche Zusammenleben aller großen Religionen im uigurischen Zentralasien, die Seldschuken im Iran, Dschinghis Khan und die Hegemonie der Mongolen, die Mamelukken in Ägypten, das zwei Jahrhunderte dauernde Vasallentum Russlands unter der Goldenen Horde, Timur (Tamerlan), die Renaissance der Timuriden in Samarkand und Herat, das osmanische Reich als erste Weltmacht im 16. Jahrhundert, Babur Chan Shah und die Gründung des Mogulreichs in Indien, Atatürk und die nationale Revolution in der Türkei.

Von seiner Gründung im 16. Jahrhundert bis zu seiner Auflösung hatte das Imperium der Sultane einen entscheidenden Anteil an der europäischen Politik. Im Leben wie auch in der Musik waren die Türkei und Europa keine getrennten, in sich gekehrten, undurchdringlichen Welten. Wie Jean François Solnon betont (Le tourban et la stambouline [Turban und Stambulin]), haben die einander zunächst gleichgültig gegenüberstehenden Welten allmählich Neugier füreinander gezeigt, fühlten eine gegenseitige Anziehungskraft, betrachteten sich fasziniert und öffneten sich schließlich den wechselseitigen Einflüssen. Seit dem 18. Jahrhundert setzte die Hohe Pforte auf die Karte der Okzidentalisierung. Unter Mustafa Kemal vollendete die Türkei diese Bewegung durch eine systematische Modernisierung nach westlichem Vorbild, ohne doch die eigenen Wurzeln zu leugnen.

Die wunderbare und faszinierende Vokal- und Instrumentalmusik der Osmanen, die im Dialog mit der griechischen, sephardischen und armenischen Musik im Umkreis der Hohen Pforte entstanden ist, vermittelt uns die Botschaft, dass im osmanischen Reich eine gewisse religiöse Großzügigkeit gegenüber den Nichtmuslims waltete: orthodoxe Griechen, Christen und Juden konnten auf islamischem Boden ihren Glauben praktizieren, so wie parallel dazu in den osmanischen Städten eine wahrhaft babylonische Sprachenvielfalt florierte.

JORDI SAVALL
Basel, 19. September 2011

Übersetzung: Claudia Kalász