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ORIENT – OCCIDENT 1200 – 1700
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Reference: AVSA9848

  • Hespèrion XXI
  • Jordi Savall

Das Hören dieser von Jordi Savall sorgfältig zusammen gestellten Musikstücke aus dem Morgen- und Abendland ist eine außergewöhnliche Erfahrung. Denn zum ästhetischen Gefühl gesellt sich ein noch intensiveres hinzu, nämlich das zauberhafte Verständnis zwischen einer versöhnten Menschheit.
Verlor sie denn nicht ein Stück ihrer Seele in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, als vierzig Jahre nach dem Untergang Byzanz’ Sepharad und Al-Andalus gemeinsam der Totenschein ausgestellt wurde? Zwischen dem Morgen- und dem Abendland wurden geistige und geistliche Brücken zerstört, die danach nie mehr wieder hergestellt wurden. Das Mittelmeer hörte auf, jener nährende Raum im Zentrum unseres kulturellen Universums zu sein und wurde zu einem Schlachtfeld und einer Hürde degradiert.

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Beschreibung

Das Hören dieser von Jordi Savall sorgfältig zusammen gestellten Musikstücke aus dem Morgen- und Abendland ist eine außergewöhnliche Erfahrung. Denn zum ästhetischen Gefühl gesellt sich ein noch intensiveres hinzu, nämlich das zauberhafte Verständnis zwischen einer versöhnten Menschheit.
Verlor sie denn nicht ein Stück ihrer Seele in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, als vierzig Jahre nach dem Untergang Byzanz’ Sepharad und Al-Andalus gemeinsam der Totenschein ausgestellt wurde? Zwischen dem Morgen- und dem Abendland wurden geistige und geistliche Brücken zerstört, die danach nie mehr wieder hergestellt wurden. Das Mittelmeer hörte auf, jener nährende Raum im Zentrum unseres kulturellen Universums zu sein und wurde zu einem Schlachtfeld und einer Hürde degradiert.
Heute ist unser gemeinsames Meer der Schauplatz, an dem die unsichtbare Mauer empor ragt, die die Erde in einen ängstlichen Norden und einen verzweifelten Süden teilt, in Kulturkreise, die es sich angewohnt haben, dem „Anderen“ zu misstrauen und sich von ihm abzuschotten. Die arabische und die jüdische Welt scheinen ihre ehemalige ertragreiche Verwandtschaft vergessen, der moslemische Orient und der Westen christlicher Tradition sich in einer ausweglosen Konfrontation verfangen zu haben.
Um unserer orientierungslosen Menschheit Hoffnungssignale zu geben, ist es notwendig, über einen Dialog zwischen Kulturen und Glaubensweisen hinaus zu einem Dialog der Seelen zu gelangen. Dies ist die unweigerliche Aufgabe der Kunst in diesem beginnenden 21. Jahrhundert. Und gerade das ist es, was uns beim Hören dieser ausgezeichneten Stücke aus verschiedenen Zeiten und Ländern widerfährt. Plötzlich wird uns (wieder) vor Augen geführt, dass Kulturen, die uns voneinander entfernt, ja sogar verfeindet erschienen, einander erstaunlich nahe stehen, überraschend ähnlich sind.
Im Zuge dieser Reise durch Zeit und Raum stellen wir uns ständig die Frage, ob die Konflikte, an die wir uns mittlerweile gewöhnt haben, nicht doch irreführend sind und die Wahrheit der Menschen und Kulturen vielmehr in diesem Dialog der Instrumente, Akkorde, Kadenzen, Handgriffe und Atembewegungen liegt. So kommt aus einem Glaubensakt heraus ein Gefühl der innigsten Freude in uns auf – die Diversität muss nicht ein Vorzeichen des Unheils sein. Unsere Kulturen sind nicht von undurchdringbaren Hüllen umgeben, unsere Welt ist nicht zum endlosen Streit verdammt – noch gibt es einen Ausweg.
Ist das denn nicht, seit es Menschen auf der Erde gibt, das Um und Auf der Kunst?

AMIN MAALOUF