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VENEZIA MILLENARIA
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Reference: AVSA9925

 

Von 700 bis 1797, über mehr als tausend Jahre hinweg, spielte die Stadt Venedig im Mittelmehrraum und in der Weltgeschichte eine vorherrschende Rolle. Die Stadt wurde von den Byzantinern gegründet. Diese versahen die Lagune, die zwischen zwei Flussmündungen mit kleinen prekären Küstenansiedlungen lag, mit einer Vermittlerdimension zwischen Orient und Okzident. Die Wasserstadt mit ihren verzweigten Kanälen wurde zur Domäne von Händlern aller Herkunft, die letztendlich alle dasselbe Ziel verfolgten: die Geschäfte, den Austausch und die Interessen zum Blühen zu bringen. Nach und nach richtete sich ein Handel ein, der Produkte aus dem Orient (Gewürze, Seide, Edelmetalle, Luxusgegenstände) ins Abendland brachte, während andere Produkte oder Lebensmittel (beispielsweise Salz oder Holz) Richtung Osten reisten.

 

Beschreibung

TAUSENDJÄHRIGES VENEDIG

700-1797

Von 700 bis 1797, über mehr als tausend Jahre hinweg, spielte die Stadt Venedig im Mittelmehrraum und in der Weltgeschichte eine vorherrschende Rolle. Die Stadt wurde von den Byzantinern gegründet. Diese versahen die Lagune, die zwischen zwei Flussmündungen mit kleinen prekären Küstenansiedlungen lag, mit einer Vermittlerdimension zwischen Orient und Okzident. Die Wasserstadt mit ihren verzweigten Kanälen wurde zur Domäne von Händlern aller Herkunft, die letztendlich alle dasselbe Ziel verfolgten: die Geschäfte, den Austausch und die Interessen zum Blühen zu bringen. Nach und nach richtete sich ein Handel ein, der Produkte aus dem Orient (Gewürze, Seide, Edelmetalle, Luxusgegenstände) ins Abendland brachte, während andere Produkte oder Lebensmittel (beispielsweise Salz oder Holz) Richtung Osten reisten.

Durch die Begründung einer „Republik“, die durch ein oligarchisches, von einem lebenslänglich in das Amt gewählten Dogen angeführtes Regierungssystem repräsentiert wurde, vertiefte Venedig ihre Unabhängigkeit gegenüber Byzanz, bis sie sich eher als Handelspartner und nicht als Vasall durchsetzte.

Im Verlauf dieses Jahrtausends wurde diese mythische Stadt dank ihrer Entwicklung als Seemacht reich, unabhängig und zu einer mächtigen Triebkraft. Nachdem sie Karl dem Großen Widerstand geleistet hatte, konkurrierte sie mit Rom, bis sie sich in die erste Wirtschaftsmacht des Mittelmeergebiets verwandelte. Dadurch wurde ihr eine Entwicklung in allen technischen, wissenschaftlichen und kulturellen Gebieten ermöglicht: u. a. Architektur, Kunstwerke in Malerei, Literatur und Musik.

Von Beginn an und insbesondere gegen Ende des 15. Jahrhunderts genoss Venedig zwei große Vorteile: Eine vollkommene Freiheit im Buchdruck, da sie weder den Auflagen des Vatikans noch der Inquisition unterlag. Sie war das Tor zum Orient, wo Menschen aus aller Welt lebten: Byzantiner, Italiener, Araber, Juden, Slawen, Armenier, Türken… All dies erklärt die außerordentliche Entwicklung des Buchdrucks. Es ist hervorzuheben, dass in einer Epoche mit derart viel Gewalt zwischen Religionen der erste Koran, der erste Talmud und die erste Bibel in populärem Italienisch, sowie die ersten Werke der deutschen Reformatoren nach der protestantischen Reformation, in Venedig gedruckt wurden. Die Tatsache, dass es sich um eine Immigrantenstadt handelte, erklärt auch, dass in allen Sprachen gedruckt wurde: so tauchten die ersten Bücher auf Griechisch, Armenisch, im kyrillischen Alphabet auf; und es war auch dort, wo über die Hälfte der europäischen Bücher gedruckt wurden, wo der Bestseller und das Taschenbuch erfunden wurden, und wo auch die ersten erotischen Texte, die ersten Abhandlungen über Küche und Medizin, herausgegeben wurden. Zuletzt kamen dort auch die ersten rudimentären Systeme des Urheberechts und dessen, was wir heutzutage Marketing und Verkaufstechniken nennen, auf.

Ebenfalls in dieser multikulturellen Stadt wurde ab Ende des 15. Jahrhunderts die musikalische Veröffentlichung geboren. Obschon diese heutzutage symbolisch im Jahr 1501 mit der Veröffentlichung von Harmonice musices Odhecaton A von Ottaviano Petrucci datiert wird, druckte in Wirklichkeit Ottaviano Scotto (ca. 1440-1498), der aus Monza in der Lombardei stammte, bereits im Jahr 1480 hervorragende Messbücher u. a. mit roten und schwarzen Schriftzeichen. Er war der Begründer einer Abfolge von Typographen, die die musikalische Veröffentlichung Venedigs während des gesamten 16. Jahrhunderts beherrschte. Das von Ottaviano Petrucci im Jahr 1501 herausgegebene musikalische Werk war nicht das erste, das mit Hilfe von Drucktypen gedruckt wurde, sondern es handelte sich vielmehr um das erste Werk, das sich vollständig der Musik widmete und sich nicht auf kurze, in einen liturgischen oder poetischen Text eingefügte Fragmente beschränkte. Über mehr als drei Jahrhunderte hinweg spielte das venezianische Musikverlagswesen eine Hauptrolle in der Verbreitung der Musik und der italienischen und europäischen Musiktheorien, die Grenzen und Jahrhunderte durchdrangen.

Auch Dank ihres Handels und damit ihrer Kontakte mit der gesamten mediterranen Welt –durch Begründen von Faktoreien auf allen Inseln und an der gesamten Küste, Austausch von Gegenständen, aber auch Aufnahme von Menschen aller Herkunft- empfing sie die Einflüsse der christlichen Welt des lateinischen Orients und der orthodoxen Welt, sowie der ottomanischen, jüdischen, armenischen und muslimischen Kulturen.

Alle diese Einflüsse wollen wir durch die Musik heraufbeschwören, wobei wir den wichtigsten Ereignissen dieser phantastischen tausendjährigen Geschichte folgen. Eine einzigartige Geschichte einer andersartigen Stadt, die von Personen geschaffen wurde, die dank ihres Mutes, ihres Wissens, ihrer Abenteuerlust und ihres Wunsches nach Dialog, vor allem jedoch dank ihrer Liebe zur Kunst und zur Schönheit, den Reichtum und die Freiheit ihrer Republik über mehr als tausend Jahre ersinnen und erhalten konnten.

Wir begleiten diese Personen, indem wir die unterschiedlichen Tonaspekte vermitteln wollen, die das Adriatische Meer und das Mittelmeer in den verschiedenen Städten, Regionen und Ländern, die diese Meere säumen, hervorzurufen wussten. Mit den wunderbaren Sängern des orthodoxen/byzantinischen Ensembles unter der Leitung des großen orthodoxen Sängers Panagiotis Neochoritis präsentieren die Gastmusiker aus Griechenland, der Türkei, Marokko und Armenien, sowie die Solisten von La Capella Reial de Catalunya, von Hespèrion XXI und von Le Concert des Nations, religiöse und profane Musikstücke der ältesten orthodoxen Traditionen von Byzanz, Gesänge der Kroaten, Musik aus Istanbul und dem ottomanischen Reich, aus Griechenland, aus der Türkei und natürlich aus Italien. Sie alle haben zu den wunderbaren Musikproduktionen beigetragen, die Byzanz und Venedig der Geschichte der europäischen Musik zu bieten hatten. Guillaume Dufay, Clément Janequin, Adrian Willaert, Joan Brudieu, Claude Goudimel, Ambrosius Lobwasser, Giovanni Gabrieli, Claudio Monteverdi, Antonio Vivaldi, Johann Adolph Hasse und viele weitere, wie Mozart und Beethoven, sind die renommierten Namen, die im damaligen Europa die Größe einer außerordentlichen Stadt, deren Hegemonie sehr lange bestehen blieb, erklingen ließen und heraufbeschworen – und dies noch bis heute tun.

1797 besetzten die französischen Truppen Napoleons das Festland und verursachten den Fall der Republik Venedig. Um das Ende dieser tausendjährigen Geschichte darzustellen, die unter dem Einfluss der französischen Revolution und den kaiserlichen Ambitionen Napoleons beschleunigt wurde, haben wir eine etwas spätere Musik ausgewählt, die jedoch überraschend und emotiv ist: den Revolutionsgesang der „Heiligen Liga“, Die Nacht ist düster, von Luigi Bordèse (1815-1886), Adaptation für vierstimmigen Männerchor mit Orgel (oder Klavier) mit einem Text von Adolphe Joly zur Musik von Ludwig van Beethoven: Allegretto der 7. Symphonie und Allegro, letzter Satz der 5. Symphonie. Unsere musikalische Version fügt den vier Gesangsstimmen die in Beethovens Original vorgesehenen Instrumentalstimmen hinzu, jedoch interpretiert durch die im zweiten Programmteil eingesetzte, überaus abwechslungsreiche Besetzung.

Die Republik Venedig endete im Jahr 1797, was jedoch keinesfalls für den orientalischen Traum der Sereníssima gilt, der, wie Olivier Lexa bestätigt, weiterhin zahlreiche Künstler und Intellektuelle wie John Ruskin inspiriert, der erklärt, dass „die Venezianer eine besondere Erwähnung verdienen, da es sich um das einzige Volk Europas handelt, das den großartigen Instinkt der orientalischen Rassen vollkommen zu verstanden haben scheint.“ Um die Jahrhundertwende des 20. Jahrhunderts ehrte der Künstler und Designer Marià Fortuny i Madrazo, Sohn des berühmten katalanischen Malers Marià Fortuny (i Marsal) die orientalische Geschichte Venedigs mit seinen Lampen und seinen berühmten Stoffen.

Nach ihrer Aufnahme in Österreich im Rahmen des Friedens von Campo Formio, der den Krieg zwischen Frankreich und Österreich beendete, musste Venedig bis 1866 auf ihre vollständige Integration in Italien warten. Heute handelt es sich, wie bei Rom, um eine der ewigen Städte Italiens, und noch immer um eines ihrer schönsten Juwelen.

 

JORDI SAVALL

Bellaterra, 2. Oktober 2017
Übersetzung: Andrea Kowalenko